Die Geschichte Togos zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft

Mariam

29.04.2019

Eigentlich wollte ich nur kurz die grobe Kolonialgeschichte Togos nachlesen. Doch bei meinen Recherchen im Internet bemerkte ich, das ich hier eine fast vollkommene Lücke des Netzes entdeckt hatte: die Wikipedia-Infos scheinen mir sehr diskutabel und andere Seiten gibt es kaum. Informationen, die man findet, reproduzieren den Mythos Togo sei eine ‚Musterkolonie‘ gewesen. Ein kleiner Blick in die Geschichte des Landes soll die Leere kartographieren und die machtpolitischen Hintergründe des Begriffs ‚Musterkolonie‘ offen legen.

Ehemaliger Palast des Gouverneurs in Lomé: wurde 1905 im Auftrag der deutschen Kolonialregierung fertig gestellt

Togo war von 1884 bis 1916 deutsche Kolonie. Gustav Nachtigal, ein deutscher Forscher, wurde 1884 nach Kamerun geschickt, um das Land einzunehmen. Dabei passierte er auch Klein Popo, eine Stadt an der Küste des heutigen Togo. Bereits zuvor hatten dort ansässige deutsche Handelsunternehmen sich eine Annexion des Gebietes durch Deutschland gewünscht, doch Bismarck lehnte dies ab, da Klein Popo bereits unter französischem Einfluss stand und er den Konflikt mit Frankreich vermeiden wollte. Als Nachtigal nun in der Stadt ankam, hörte er, dass in den weiter westlich liegenden Orten Be und Bagida eine Annexion einfacher möglich wäre. Kurzerhand entschied er sich, dorthin zurück zu segeln und dort einen Protektoratsvertrag mit den Häuptlingen abzuschließen. Die Häuptlinge von Be, Bagida und den angrenzenden Dörfern waren dazu schnell bereit, da sie mit dem Häuptling der nahen Stadt Porto Seguro in Konflikt standen, der einen Vertrag mit den Briten abgeschlossen hatte ohne sie miteinzubeziehen.

Kirche in Lomé, die 1907 fertig gestellt und aus Deutschland finanziert wurde

Bereits wenige Tage später reiste Nachtigal dann tatsächlich weiter nach Kamerun, hinterließ aber einen ersten deutschen Konsul. In der folgenden Zeit wurden einige relativ friedliche koloniale Expansionszüge durchgeführt, deren Ziel es war, mehr Häuptlinge zur Anerkennung der deutschen Kolonialherrschaft zu bewegen. Somit weitete sich das Gebiet nach und nach in alle Richtungen aus. 1887 einigten sich die französischen und deutschen Kolonialherren auf eine feste Ostgrenze entlang des 9. Längengrads. Später folgten schließlich auch Abkommen mit den englischen Kolonialherren, die die westliche Grenze des Territoriums festlegten. Die ersten Expansionszüge und Gebietsverhandlungen bezogen sich auf einen küstennahen Abschnitt, in dem in den ersten Jahren der deutschen Kolonialzeit vor allem christliche Gemeinden missionarisch tätig wurden, sich deutsche Firmen ansiedelten und langsam eine Polizeitruppe aus einheimischen Männern aufgebaut wurde. In dieser Phase befand sich der deutsche Kolonialapparat im Aufbau und war im Land noch wenig präsent.

Ruine des Landungsstegs in Lomé, dessen Vorgänger 1904 unter Anweisung deutscher Ingenieure gebaut wurde

Zum Ende des 19. Jahrhunderts begann dann ein territorialer Wettlauf der drei europäischen Mächte um Gebietseroberungen im Hinterland. Die Annexion neuer Gebiete wurde in brutalen Feldzügen vollzogen, die der gewaltvollen Unterwerfung der Bevölkerung dienten. Einer dieser Feldzüge war die deutsche Togo-Hinterland-Expedition, die unter Einsatz einer Söldnertruppe eine neue administrative Station im Nord-Osten des Landes errichtete und bis in den Norden zum heutigen Mango vordrang. Diese Expedition legte durch gezielte Morde an Stammesführern und weiteren Machtdemonstrationen den Grundstein für die koloniale Unterwerfung des gesamten Gebietes. Bald darauf folgte der erste offizielle Feldzug, der die Unterwerfung der Küstenbevölkerung erreichen wollte und dabei ganze Dörfer zerstörte. Solche Feldzüge wurden meist mit der Niederschlagung von Aufständen gerechtfertigt, waren aber tatsächlich reine Provokationen und Machtdemonstrationen.

Weitere Feldzüge folgten in das nördliche Gebiet Togos. Damit hatte die deutsche Kolonie um 1900 ihre größten Ausmaße erreicht und umfasste außer dem heutigen Togo noch einen Teil des heutigen Ghanas.

Cathédrale sacré-coeur: wurde 1902 nach Plan der Kolonialherren eingeweiht

Togo galt in Deutschland als ‚Musterkolonie‘, was aber – entgegen verbreiteter Vorstellung – keine humane Herrschaft oder Investitionen, die der einheimischen Bevölkerung zu gute kämen, bedeutete. Im Gegenteil: Togo wurde hauptsächlich so genannt, da es die einzige deutsche Kolonie war, die keine roten Zahlen schrieb, sondern in der sich Einnahmen und Verwaltungskosten in etwa deckten. Dies konnte nur durch bewusste Manipulation der Zahlen auf der einen und starke Ausbeutung der lokalen Bevölkerung auf der anderen Seite erreicht werden. Der Kolonialapparat wurde durch unentlohnte Arbeit und hohe Steuern von der einheimischen Bevölkerung finanziert. So bauten die Deutschen beispielsweise mehrere Eisenbahnstrecken durch das Land, wofür einige tausend Einheimische zu einem halben Jahr unentlohnter Pflichtarbeit gezwungen wurden.

Die Propagierung Togos als ‚Musterkolonie‘ war außerdem ein politisches Mittel, um die Kolonialherrschaft auf dem Kontinent für die deutsche Bevölkerung zu legitimieren. Die Etablierung der anderen Kolonien brachte wirtschaftliche Verluste und führte zu Aufständen der lokalen Bevölkerung, die Kritik an deutscher Kolonialpolitik aufkommen ließ.

Rue Koketi in Lomé: hieß früher ‚Puttkamerstraße‘ und wurde 1889 von den Kolonialherren geplant

Die rücksichtslose Ausbeutung der Einheimischen fußte auf einer offen rassistischen Ideologie, die sich in einer ‚Apartheid-Gesellschaft‘ äußerte. Nur Deutsche hatten togoische Staatsbürgerrechte, alle Einheimischen wurden als Bewohner*innen 2. Klasse behandelt und waren so beispielsweise schlechterer Krankenversorgung, höheren Steuern und häufigen Prügelstrafen ausgesetzt.

Wie ‚beliebt‘ die deutschen Kolonialherren in ihrer ‚Musterkolonie‘ waren, zeigt der immer stärker werdende lokale Widerstand gegen den Herrschaftsapparat, der in der benachbarten Kolonie Ghana seinen Ausgang nahm und sich dann auch auf Togo übertrug.

Der ‚deutsche Friedhof‘: ab 1902 wurden hier alle deutschen Verwaltungsangestellten der Kolonie begraben

Der erste Weltkrieg begann 1914 auch in Togo. Die deutschen zogen sich gleich zu Beginn mit ihren Söldnertruppen überstürzt nach Kamina ins Landesinnere zurück. Somit gelangte die Hauptstadt Lomé sofort unter britische Herrschaft. Die Bevölkerung der Stadt begrüßte und bejubelte die anglofranzösischen Truppen als ihre ‚Befreier‘. Auch die einheimischen Söldner im Landesinneren verweigerten bei Konfrontationen mit den anderen Truppen den Kampf. Somit musste die deutsche Administration bereits drei Wochen nach Kriegsanfang kapitulieren.

Daraufhin wurde ein Teil des damaligen Kolonialgebiets der britischen Kolonie Ghana zugerechnet und der andere Teil als Völkerbundmandat und späteres UN-Treuhandgebiet den Franzosen unterstellt. Auch die französische Machtausübung dort stellte eine koloniale Herrschaft dar. Erst am 27. April 1960 erhielt Togo die volle Unabhängigkeit.

Schule in Sokodé: auf der Rückseite des Schildes steht: „Deutsch ist Weltklasse“ …

Interessanterweise blicken in Togo heute ganz viele Menschen sehr positiv auf die deutsche Kolonialzeit zurück. Dies lässt sich vermutlich damit erklären, das aus dieser Zeit noch einige infrastrukturelle Übrigbleibsel sichtbar sind, wie die Eisenbahnlinien oder zum Beispiel eine Allee, gesäumt mit öffentlichen Mangobäumen, auf die ich sehr oft positiv hingewiesen wurde. Im Vergleich mit der französischen Kolonialzeit wird den Deutschen außerdem zu Gute gehalten, dass die Missionare meist in den lokalen Sprachen unterrichteten, während die Franzosen versuchten, ihre Kolonien weitestgehend Frankreich anzupassen und jeder dort zum Beispiel verpflichtet war, Französisch zu lernen.

Doch bei Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse lässt sich klar sagen, dass man unter keinen Umständen von einer ‚Musterkolonie‘ im Sinne humanerer Zustände sprechen kann, sondern, dass die deutsche Kolonialherrschaft in Togo von erheblicher rassistischer Arroganz, wirtschaftlicher Ausbeutung, brutaler Machtdemonstration und willkürlicher Gewalt gegen die Zivilbevölkerung geprägt war.

 

Literatur

Sebald, Peter (1988): Togo 1884 – 1914. Eine Geschichte der deutschen ‚Musterkolonie‘ auf der Grundlage amtlicher Quellen. Berlin: Akademie-Verlag.

Nussbaum, Manfred (1962): Togo. Eine Musterkolonie? Berlin: Rütten & Loening.

Sebald, Peter (2013): Die deutsche Kolonie Togo 1884-1914. Auswirkungen einer Fremdherrschaft. Berlin: Ch. Links Verlag.